Was hat Zahnpasta mit Blasmusik zu tun?

Blasmusik und Zahnpasta

Die ersten Gedanken zu dieser Frage sind vielleicht, dass es für das Blasinstrument besser ist, wenn frischer Atem durch die Mundstücke und strömt. Oder sie beziehen sich auf das Zahnpastalächeln, das Solisten nach gelungener Aufführung ins Publikum werfen. Ja, das könnte sein, ist aber hier nicht gemeint. Vielmehr schlage ich einen ganz großen Bogen von der Blasmusik zur Autobiografie des dm-Gründers Götz W. Werner, der sich selber gerne als Zahnpastaverkäufer bezeichnet. Ausgehend von einem Zitat zur Zahnpasta lassen sich einige Anregungen aus dem Buch gut von dm auf eine Musikkapelle, einen Chor (oder ein anderes Ensemble) übertragen.

„Zahnpasta verkaufen kann jeder. Doch Zahnpasta mit anderen Menschen für andere Menschen bereitzuhalten, das ist eine soziale Kunst.“

So die vorletzten Sätze im Buch auf Seite 300.
zahnpasta

Für die Musikkapelle wandele ich das Zitat um in:

Musik machen kann jede Musikkapelle. Doch Musik mit anderen Menschen für andere Menschen zu machen, das ist eines soziale Kunst.

Für Werner reicht es bei dm nicht aus, die richtige Ware zum richtigen Preis am richtigen Ort anzubieten. Er fragt vielmehr: Warum sollen die Kunden bei dm kaufen, was sie auch in anderen Läden bekommen? Warum soll das Publikum also ausgerechnet zu unserem (Platz-)Konzert kommen, wäre die analoge Frage für die Musikkapelle. Weil sie halt so schön spielen? Weil mein Sohn/Mann usw. mitspielt? Weil es für die Touristen einfach dazu gehört? Weil es da was zu Trinken gibt und ich Bekannte treffe? Nichts gegen diese Beweggründe. Aber damit ist es ziemlich egal, was gespielt wird und sonst so auf der Bühne passiert. Irgendwann geht das Konzert los, irgendwann ist es vorbei – emotional berührt es niemanden, weder auf noch vor der Bühne.

Laut Werner will der Kunde mit seinem Einkauf ein Unternehmen unterstützen, mit dessen Zielen er sich identifizieren kann. Das setzt natürlich voraaus, dass das Unternehmen a) Ziele hat, diese b) bekannt macht und das Ganze idealerweise c) auch nachprüfbar und somit glaubwürdig ist.

Welche Ziele hat unsere Musikkapelle? Diese Frage wird selten gestellt und noch seltener wirklich gut beantwortet. Damit gibt es dann auch keine treffende Antwort auf die Frage, welches Mangelerlebnis entstehen würde, wenn es gerade diese Musikkapelle nicht gäbe.

Führung und Innovationen

Wie Götz Werner festgestellt hat, wagen viele Mitarbeiter wegen der 0-Fehler-Maxime im Beruf nichts Neues. In der Freizeit aber, wenn sie frei entscheiden können, suchen sie nach Sinn. Was aber, wenn es in der Musikkapelle genauso geht wie im Beruf? Wenn dort einige wenige den Weg bestimmen, der lieb gewordenen Routine treu bleiben und nichts von neuen Ideen hören wollen?

Bei dm übernimmt derjenige eine Führungsaufgae, der für die gegebene Situation am besten geeignet ist. Und konstruktiv-unzufriedene Mitarbeiter betrachtet Werner als große Chance für Innovationen.
Wer fehlt öfter in der Probe oder beim Auftritt? Vielleicht stimmt dadurch ja der eine oder andere Musikant mit den Füßen ab und sitzt auf einem ungesehenen kreativen Potenzial für neue Ideen? Ein genauerer Blick oder ein Gespräch auf Augenhöhe könnten eine frustrierende Situation für beide Seiten vielleicht zum Positiven verwandeln. Denn, so hat Werner bei dm erkannt und umgesetzt:

Jeder ist wichtig

Jeder einzelne Mitarbeiter bei dm und Musikant muss das Gefühl haben, dass er wichtig ist, dass es auf seine Stimme und sein Instrument ankommt. Natürlich kippt ein Solostück sofort, wenn der Solist fehlt, nicht aber, wenn der 3. Nachschlag-Spieler fehlt. Aber die immer noch weit verbreitete Ansicht, dass die 1. Stimme immer wichtiger ist als die 3. Stimme, ist kontraproduktiv.

„Ich stehe auf, ich werde gebraucht, auf mich kommt es an.“

Wäre dieser Gedanke von Götz Werner nicht auch etwas für die Musikkapelle? Wenn das Tun Sinn macht, entfacht dieser Sinn seine Sogwirkung. Wenn ein Umfeld geschaffen wird, in dem sich jeder einbringen und entwickeln kann und man gemeinsam voneinander lernt, entwickelt sich jeder einzelne weiter und die Musikkapelle als Ganzes.

Welche Aufgaben gibt es? Wer würde eine davon sehr gerne übernehmen und folglich mit Herzblut ausführen? Wer kann es am besten? Diese Fragen stellen sich, da niemand alles können kann. Eine Arbeitsteilung jenseits von Posten wäre in der Freizeit sicher eine sinnvolle Sache. Das ist nicht einfach, das ist eine „soziale Kunst“ aus Werners Zitat.

Und selbst wenn es beim ersten Versuch nicht gleich perfekt wird, der Versuch ist es auf jeden Fall wert. Die Musik hat so viele positive Nebenwirkungen – für die Musikanten wie für die Zuhörer -, dass es alle Anstrengungen wert sind, um diese zu nutzen. Ein bisschen probieren, miteinander reden und das Gesamtwerk skizzieren und sehen. Mit Begeisterung ist viel mehr möglich als mit Machtgehabe und Vorschriften.