Was ist die Traditionelle Europäische Medizin?


Das Bildungshaus St. Michael lud letztes Jahr erstmals zum TEM-kompakt-Kurs ein. Ein Grundlagenkurs mit ausgewählten Praxisfeldern der Traditionellen Europäischen Medizin wurde angekündigt, und schnell meldeten sich über 20 Interessenten aus der näheren und fernern Umgebung von Innsbruck an. Im März kamen wir zum ersten Mal im nagelneuen Bildungshaus zusammen, um mit Karl-Heinz Steinmetz auf eine Reise in die Geschichte der Medizin zu gehen. Dabei haucht er der Geschichte neues Leben ein, denn etliche derTechniken aus dem Mittelalter haben noch heute ihre Berechtigung.

Natürlich wünscht sich niemand das Bilsenkraut als (unzuverlässiges) Narkosemittel zurück, und es geht auch nicht um die Frage, ob die Schulmedizin, die TEM oder die TCM besser sind. Integrativmedizin lautet das Stichwort, unter dem aus jedem System das Beste ausgewählt wird.

Was bietet die TEM unter diesem Aspekt? Was kann ich nach dem ersten von vier Kursteilen berichten?

Prävention first

Die beste Krankheit taugt nichts – selbst wenn man TEM-Experte ist oder einen solchen an seiner Seite hat. Deshalb spielt Prävention in der TEM eine zentrale Rolle. Mit Fragen zu Gesundheitsfaktoren sollen mögliche Probleme und auch Verbesserungsmöglichkeiten frühzeitig erkannt und angegangen werden. Es schadet also nichts, wenn man sich mehr mit sich selbst beschäftigt, in sich hineinhört und die Signale des Körpers ernst nimmt.

Ganzheitliche Betrachtung

Die TEM betrachtet nicht das kaputte Knie oder die kranke Leber, sondern den ganzen Menschen. Sechs Kontext-Faktoren sorgen in 3 Zentren für Gesundheit oder Krankheit. Auf der Ebene des Bauchs werden Speis, Trank, Stoffwechsel und Ausscheidungen betrachtet, um Diagnosen zu stellen und Maßnahmen festzulegen. Auf der Ebene des Herzens geht der Blick auf Bewegung, Ruhe, Atem und das Wohnambiente, das schon bei der Bekleidung beginnt. Die Ebene des Hauptes schließlich besteht aus Gedanken, Emotionen und Spiritualität, die die Gesundheit gleichermaßen fördern oder beeinträchtigen können.

Auf Paracelsus geht das Pentagramm zurück, dass die Gründe für eine Krankheit in 5 verschiedenen Bereichen sucht. In einigen Fällen machen Umweltbelastungen krank, in anderen Fällen eine ungünstige Ernährung. Auch wenn es vielleicht nicht so einfach ist, einen klaren Grund zu finden, lohnt sich die Auseinandersetzung mit der Krankheit. Welche Botschaft steckt darin? Welche Lernchancen bietet sie?

4 Temperamente

Im Mittelalter kannte jeder Mensch sein Temperament und wusste, ob er Choleriker, Melancholiker, Sanguiniker oder Phlegmatiker ist. Das war eine wichtige Information, die einige Erklärungen für das Verhalten geliefert hat und ein wichtiger Wegweiser für die Ernährung und die Behandlung von Krankheiten war.

Eine Einordnung in 4 Schubladen – wird da nicht zu sehr über einen Kamm geschoren? Natürlich gibt es weniger Reinformen als viel mehr Mischungen. Es gibt auch keinen Test, aus dem nach 2 Minuten das Temperament „herauspurzelt“. Man muss sich damit beschäftigen und viele Faktoren analysieren, bevor man auf eine erste heiße Spur kommt. Aber es ist ein interessanter Weg zur Selbsterkenntnis, der einige Aha-Erlebnisse parat hält.

Zum angeborenen und kaum änderbaren Grundtemperament kommt noch die aktuelle Verfassung, die sich ebenso wie die Jahres- und Tageszeit einem Temperament unterordnen lässt.

Warum das Ganze? Weil es eine personalisierte Medizin ermöglicht. Der Choleriker, dem von Haus aus schon warm ist, sollte bei einer Erkältung, die vielleicht auch noch mit etwas Fieber daherkommt, auf keinen Fall Thymian bekommen, weil diese Heilpflanze noch mehr Wärme beisteuert. Der Melancholiker hingegen ist mit Melisse gut beraten, weil sie seinen Körper nicht noch weiter austrocknet. Das nur zwei kurze Beispiele, die im nächsten Kursblock noch weiter behandelt werden.

Diagnose am Menschen

Die TEM verwendet den Puls und die Zunge, um Diagnosen zu stellen. Das mag in dieser Kürze befremdlich erscheinen und muss eingehender betrachtet werden. Natürlich ist es auch hier nicht so, dass in Windeseile ein eindeutiges Krankheitsbild gezeichnet werden kann. Aber Zunge und Puls geben wichtige Hinweise, wenn etwas nicht stimmt.

Am Anfang ist es einfach nur interessant zu spüren, dass der Puls mehr als „nur“ das poch-poch unter der Haut ist. Im nächsten Schritt sorgt für Staunen, wie unterschiedlich der Puls bei verschiedenen Menschen sein kann. Danach ist viel Übung nötig, bis man die unterschiedlichen Ausprägungen beim Puls kennt und zuverlässig erkennen kann. 1420 haben das die Medizinstudenten an der Uni in Wien im ersten Semester gelernt und hatten dann viele Jahre Zeit, bis sie echte Pulser-Experten wurden.

Auch die Zunge ist ebenso vielfältig wie der Puls. Farbe, Form, Belag werden unter die Lupe genommen und als Hinweise auf Temperament oder Krankheiten verwendet.

Fazit

Es ist zwar nach dem ersten Kursteil nur ein Zwischenfazit, aber es fällt sehr positiv aus. Ich bin froh, dass ich mich zum Kurs angemeldet habe und freue mich schon auf den nächsten Teil. Die TEM hat was, die Grundkonzepte sind sinnvoll und verdienen mehr Aufmerksamkeit – gerade in unserer hektischen, technisiierten Welt.