Mein lieber Schwan! Richard Wagner hat ja nicht nur komponiert

Wagner-Stätten Graupa

Was fällt mir als Blasmusikant ein, wenn ich den Namen Richard Wagner höre? Schwere Kost, lange Opern, Bayreuth, nur für die Hardcore-Klassik-Liebhaber. Also nix für mich. Oder doch? Ich versuche ja immer wieder, in den Museen und Gedenkstätten der klassischen Komponisten Dinge zu finden, die diesem Klischee widersprechen. Meistens gelingt es, so auch in den Richard Wagner-Stätten in Graupa bei Dresden.

Wagner-DenkmalEin Querdenker und Multitalent war er, und damit weit mehr als “nur” Komponist. Dabei war sein Weg alles andere als vorbestimmt oder geradlinig. Richard war eines von 9 Wagner-Kindern, der im Mai 1813 in Leipzig zur Welt kam. Die leiblichen Eltern hatten beruflich nichts mit Musik zu tun, aber zumindest eine Leidenschaft für das Theater. Vater Wagner verstarb noch in Richards Geburtsjahr. Schon ein Jahr später heiratete seine Mutter einen Schauspieler des Hoftheaters, und danach verwundert es nicht mehr, dass insgesamt 5 Wagner-Kinder im Theater landeten.
Bei Richard ging es allerdings kurios zu. Denn eines Abends, so wird berichtet, hörte er eine Beethoven-Sinfonie, bekam anschließend Fieber und wurde sogar richtig krank. Kaum genesen wusste Wagner, dass er Musiker wird.

Schon mit 16 entstand eine für Blasorchester instrumentierten Arie. Über die Qualität lässt sich leider nichts mehr sagen, da sie nicht erhalten ist. Ab 1831 erhielt er Kompositionsunterricht und widmete seinem Lehrer auch gleich die erste Klaviersonate. 1833 trat er in Würzburg seine erste Stelle als Chordirigent an, und im gleichen Jahr wurde seine C-Dur Sinfonie im Gewandhaus uraufgeführt.
Wurde Wagner mit diesen ersten Erfolgen groß? Nein, denn mit gerade mal 1,66 m von Kopf bis Fuß kann man nicht von groß sprechen. Und nochmal nein, denn die Thomasschule hat er ohne Abschlußzeugnis verlassen und auch an Klavier und Violine schien er nicht sonderlich begabt zu sein. Also versuchte sich Wagner neben der Musik auch als Dichter, während er etwa alle 2 Jahre eine neue Stelle als Kapellmeister antrat, was ihn nach Magedburg, Königsberg, Riga und Paris führte.
Wagnerweg in Graupa
1942 wurde die Uraufführung von “Rienzi” enthusiastisch gefeiert. Auch wenn “Der Fliegende Holländer” nach der 4. Aufführung abgesetzt wurde, durfte sich Wagner ab Februar 1843 Königlich-Sächsischer Hofkapellmeister nennen. Damit kam auch tatsächlich der Durchbruch mit Lohengrin als kompositorischem Höhepunkt, neben dem Tannhäuser und zeitgemäße Interpretationen von Gluck, Mozart, Beethoven und Weber standen.
Seine Frau Minna war als Schauspielerin auch in musikalischen Fragen seine Partnerin. Trotzdem gab es bei den Wagners viel Streit, der mit seinem exaltierten Lebenswandel begründet wurde. Hunde, außergewöhnliche Farben und kostbare Stoffe waren seine Leidenschaft. Auch Champagner, Trüffel, Gänseleberpastete, Austern oder süßes italienisches Eis genoss er gerne auf seinen vielen Reisen durch ganz Europa.

Wagner-Gedenkstätte Graupa
Außergewöhnlich – das war Wagner sicher. Er galt als Querdenker, denn er sah und verachtete das zeitgenössische Theater als Ausdruck gesellschaftlicher Konventionen. Er wollte, dass sich das künstlerische und technische Personal als Kollektiv organisiert und den Theaterdirektor wählt. Tatsächlich gelang es ihm, die Streichung von Subventionen zu verhindern und sowohl die Vergütung als auch die Klangqualität zu heben.

Kritiker fanden seine Prosa-Werke zwar unlesbar und schwülstig, aber Wagner hatte mit Sprache und Musik zwei Trümpfe im Ärmel, die er gekonnt kombinierte. Aber das war noch nicht alles. Er bestimmte neben Wort und Ton auch das Bild durch Licht-, Farb- und Raumvisionen. Gesang, Orchesterklang, Mimik, Gestik und Bühnenbild trugen Wagners Handschrift. Er wollte, dass das Orchester unabhängig von den Bühnendarstellern mit dem Publikum kommuniziert. Es sollte Geheimnisse vermitteln, Deutungen vornehmen und Stimmungen erzeugen. Das allerdings erforderte größere Orchester, veränderte Besetzungen und neue Instrumente.
So werden Jubel und Staunen bei Lohengrins Ankunft von der Piccolo-Flöte ausgedrückt. Für Elisabeths Weg in eine andere Welt brauchte Wagner einen Klang, der nicht von dieser Welt ist – eine perfekte Rolle für die Bass-Klarinette. Die Wagner-Tuba, dunkler als das Horn und weniger scharf als die Posaune, trägt sogar seinen Namen und wurde auch von Bruckner, Strauss und Strawinski eingesetzt.

LohengrinNach 7 Jahren in Dresden veschlug es Wagner Zürich und Venedig, nach Paris, Wiesbaden, St. Petersburg, Wien und Stuttgart und 1864 nach München, wo seine Freundschaft mit König Ludwig II begann. Nach 6 Jahren in Luzern fanden 1876 in Bayreuth die ersten Festspiele im speziell für den Ring der Nibelungen erbauten Festspielhaus statt. Besonders lange konnte sich Wagner aber nicht an diesem Ruhm erfreuen, denn im Februar 1883 erlag er in Venedig einem Herzinfarkt, der auf die Strapazen der 2. Bayreuther Festspiele zurückgeführt wurde.
Schon seit 1907 erinnert die Gedenkstätte in Graupa an Richard Wagner, wo er von Mai bis Juli 1846 den musikalischen Entwurf für Lohengrin “Mein lieber Schwan…” erarbeitete. In zwei Gebäuden und auf einem Rundgang kann man sich auf die Spur des kleinen/großen Sachsen begeben, der die Komponisten bis ins 21. Jahrhundert beeinflusste, sich aber durch seine Schrift zum Judentum in der Musik nicht nur Freunde gemacht hat.