Querdenken für Tiroler Kapellmeister

Kapellmeistertag

Nachdenken, umdenken und querdenken waren beim Tiroler Kapellmeistertag 2015 in Völs angesagt. Als Referent war Michael Stecher geladen, den etliche Teilnehmer schon von anderen Seminaren kannten. Diesmal präsentierte er sich aber von einer ungewohnten Seite mit einem komplett neuen Vortrag. Er hatte befürchtet, am Ende des Vortrags keinen Beifall mehr zu bekommen. Tatsächlich musste er den nicht endend wollenden Schluss-Applaus in Dirigentenmanier beenden…

Hier eine erste Zusammenfassung der Thesen und Denkanstößen, mit denen Stecher aufrüttelte, aber auch Mut machte, neue Wege zu beschreiten.

Patentrezepte oder Methoden hatte Michael Stecher bewusst nicht im Angebot. Wer nur Salbe auf Wunden schmiert, wird auch in 10 Jahren noch mit den gleichen Problemen kämpfen. Querdenken ist angesagt, so Stecher, der zunächst seine Erkenntnisse um die Wurzel des Problems darlegte.

hörendes HörenAufmerksamkeitsdefizitkultur

Jeder Kapellmeister braucht die Aufmerksamkeit seiner Musikanten. Mit der Aufmerksamkeit geht unsere Kultur allerdings nicht gerade zimperlich um. Unter dem Begriff das „hörende Hören“ fasste Stecher mögliche Auswege zusammen.

Aufmerksamkeit und Konzentration stellen sich dann ein, wenn das Tun Sinn und Bedeutung hat. Wenn es dem Kapellmeister gelingt, die richtigen Änderungen in den Proben herbeizuführen, werden seine Musikanten beispielsweise auch zu Hause üben. Er muss bei ihnen eine Neugierde entfachen, sie zum Staunen bringen und die großen Wirkkräfte der Musik nutzen.

Musik verstehen

Das Verstehen wird, so bedauerte Stecher, in der gesamten Bildung unter den Teppich gekehrt. Nötig wäre aber eine Empathie zur Musik, die an der Ästhetik des jeweiligen Stückes ansetzt. Wer Musik versteht, bekommt einen anderen Zugang zu ihr und verleiht seinem Leben eine ganz andere Wertigkeit. Dass die Kapellen, die etwas in der Musik erkennen und diese Botschaft auch rüberbringen, sich von anderen abheben, kommt als erfreulicher Nebeneffekt dazu.

Staunen weckenGrundvoraussetzung dafür ist aber gehaltvolle Literatur, wo Stecher ein großes Problem sieht. Rund 80% der verfügbaren Musikstücke hält er für „Schrott“, weil sie entweder vom Fließband kommen oder übertechnisiert sind. Ästhetik lässt sich aber durchaus auch in einem Marsch oder einer Polka finden – nicht nur bei Mozart & Co.

Methodischer Dreischritt
In Anlehnung an Pestalozzi hat Michael Stecher den musikalischen Dreischritt aus Wecken, Üben und Reflektieren erfunden.

Was kann der Kapellmeister tun, wenn vom vereinbarten „Krokodils-Crescendo“ in der folgenden Probe nichts mehr zu hören ist? Schimpfen hält Stecher für sinnlos, weil dabei die Intensität immer weiter gesteigert werden muss. Bitten ist für ihn ebenso ungeeignet, weil darauf die Antwort durchaus auch „Nein“ lauten könnte. Bleibt das Reflektieren, bei dem der Kapellmeister nur fragt, was vereinbart worden ist und die Stelle erneut spielen lässt. Im guten Fall kann er danach anmerken, dass sich nun schon 40% daran gehalten haben. Kommt er beim erneuten Spielen auf 70%, hat er viel gewonnen – wohlgemerkt ohne die Vereinbarung selber zu wiederholen, sondern seine Musikanten zum Nachdenken zu animieren!

Zeichen und KlangMusik audiieren

Das muss der Kapellmeister tun, bevor er die Arme hebt, um das Stück zu beginnen. Er muss die Musik und das Tempo in sich spüren und durch seine Körperhaltung zum Ausdruck bringen. Dann wird er auch die Arme in der Art und Geschwindigkeit heben, wie er das Stück spürt und gespielt haben möchte – und kann auf das Einzählen verzichten.

Wenn Tempo und auch Dynamik nur von den Armen des Kapellmeisters abgelesen werden können, bleibt gar keine Zeit, in der Probe nebenbei noch SMS zu checken, so Stecher.

Scheitern einkalkulieren

„Schnell, sicher und bequem“ gibt es mit Stechers Vorstellungen nicht. Vielmehr muss jeder Kapellmeister das Wagnis des Scheiterns eingehen. Damit ist ein Kiekser beim versuchten Mezzopiano ebenso gemeint wie Enttäuschungen im Kampf mit Unbegeisterten. Höhen und Tiefen gehören zum Mensch sein, und so stehen auch in Mozarts Kompositionen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt nebeneinander.

Die Ecken und Kanten des Kapellmeisters bieten Reibungspunkte für die Musikanten, die er ihnen durchaus zumuten darf, so Stecher.

Mit der Schlußbemerkung, dass Musik wie die Muttersprache, nicht pädagogisiert und von Mensch zu Mensch statt von Lautsprechermembran zu Lautsprechermembran gelernt werden sollte, beendete Michael Stecher seinen hochinteressanten Vortrag.