Luther: Querdenker und Rebell schon vor 500 Jahren


1517 sprach noch niemand von Querdenkern oder gar von Mentaltraining. Aus heutiger Sicht war Martin Luther aber ohne Zweifel ein Querdenker, der mit großer mentaler Stärke viel bewegt hat. Ich habe mich in Thüringen auf seine Spuren begeben, um mehr über ihn, sein Leben und Wirken zu erfahren. Dabei ist ein virtuelles Interview herausgekommen, das ruhig schon vor dem Reformationstag in die Öffentlichkeit kommen darf.

Waren Sie eigentlich schon als Kind so etwas wie ein kleiner Rebell oder – wie man heute sagen würde – ein Querdenker, der nichts mit dem Status Quo anfangen kann?

Nein, Kinder mussten in meiner Zeit gehorsam sein. Meine Eltern waren streng und unduldsam, und in der Schule hat es oft Prügel gesetzt. Auch in der Studentenzeit war Disziplin angesagt. Wir wohnten ja in Bursen, die ein Internat mit klösterlicher Zucht waren. Wer kein positives Urteil über seinen Lebenswandel vorweisen konnte, wurde nicht zu den Prüfungen zugelassen.
Im Verlauf meines Jurastudiums entwickelte sich dann schon ein gewisses Aufbegehren gegen meine Vater, der ja hoffte, dass ich Karriere machen und ein einflussreicher Jurist werden würde. Aber ich war einfach nicht zum Jurist geeignet.

Und dann schlug der Blitz ein…

In der Tat, allerdings nicht durch ein weibliches Wesen, wie es mein Vater wollte. Bei meinem Besuch bei ihm ging es ja auch um seine Heiratspläne.

Wo haben Sie denn Zugang zur Religion bekommen? Eher nicht bei ihrem Vater, oder?
Wahrscheinlich hat sich das in der Schulzeit entwickelt, speziell in Eisenach, wo ich die Lateinschule besucht habe. Da war ich Messdiener, hatte engen Kontakt zu den Franziskanern und habe eine tiefe Frömmigkeit erlebt. Vielleicht hat die Musik auch geholfen, die ich dort kennengelernt habe. Als Kurrendesänger habe ich mir ein wenig Brot verdient und wurde von Frau Cotta in ihr Haus aufgenommen.
Sicher hat auch Angst einen größeren Anteil an meiner Entwicklung. Die Todesangst sowohl in dem Gewitter als auch ein Jahr vorher bei einem Unfall, wo ich fast verblutet wäre. Dass ich beides heil überstanden habe, muss ja einen höheren Grund haben.

Also haben Sie im Elternhaus auch keinen Zugang zur Bibel bekommen?

Aber nein. Erst mit 20 habe ich in der Universitätsbibliothek zum ersten Mal in der Bibel gelesen. Das war aber ganz normal und hatte nichts mit meinen Eltern zu tun. Laien durften damals ja noch gar keine biblischen Bücher besitzen. Der Buchdruck steckte auch erst in den Kinderschuhen, so dass Bibeln kaum erschwinglich waren. 1456 waren 10 Bibeln so viel wert wie ein Rind. 1534 hatten dann schon 2000 meiner Bibeln den Wert eines Rindes.

Das Buch der Bücher, dass Sie wohl nachhaltig fasziniert hat, und dass sie einer breiten Masse zugänglich machen wollten…

Ja, denn bevor ich die erste Bibel sah, dachte ich, dass es außer den Evangelien in der Sonntagspostille nichts weiter gäbe. Der Anstoß zur Bibelübersetzung kam allerdings von Melanchthon. Aber es war eine gute Idee, denn was hätte ich sonst auf der Wartburg machen sollen? Auf die Jagd gehen – pfui, das war nichts für mich – die armen Tiere! Und bevor die anderen wegen des für sie komischen Verhaltens meine Tarnung durchschaut hätten, habe ich wieder mit dem Schreiben angefangen. Erst Briefe an meine Wittenberger Freunde, und dann eben die Übersetzung des Neuen Testaments.
Gottes Wort musste einfach für jedermann zugänglich werden und für sich alleine sprechen. Der Buchdruck hatte ja inzwischen Fortschritte gemacht, aber mit den Sprachen war es so eine Sache. Denn wer konnte schon Griechisch, Hebräisch oder Latein. Es hat also förmlich nach einer Bibel in deutscher Sprache geschrien!

Das war sicher auch eine Reaktion auf ihren Bann?

Das kann sein. Denn keiner – weder Kaiser noch Fürst oder Papst – hat meine Ansichten aus der Schrift widerlegen und mich des Irrtums überführen können. Mit Cajetan habe ich zwar ganz nett unter Kollegen diskutiert, aber unter dem Strich ist nichts dabei herausgekommen. Und auch in Worms war es genauso. Neja, da waren natürlich auch mehrheitlich meine Gegner versammelt, sogar im Reichstag, als es um meine Reichsacht ging…

Haben Sie ihr Vorgehen jemals bereut?
 
Hinterher ist man immer schlauer – das war schon immer so. Ich hatte ja gar nichts Böses im Sinn. Ich war wirklich der Ansicht, ich würde im Interesse des Papstes handeln. Meine Thesen waren ja erstmal „nur“ Beschwerden. Und das Portal der Schlosskirche in Wittenberg war als Anschlagsbrett für solche Zwecke gedacht. Deshalb war ich auch absolut erschrocken, als ich 1518 wegen des Verdachts der Ketzerei nach Rom vorgeladen wurde. Wir lebten ja in einer Zeit des Umbruchs, und viele Gelehrte wünschten sich Reformen in Kirche und Gesellschaft.

Aber wer geht voran und traut sich? Dürer hat sie ja zumindest gelobt mit den Worten: „Endlich einer, der Mut hat, der Katze die Schelle umzubinden ohne Angst vor den Ketzerrichtern der alten Kirche.“

Genau, Sie sagen es. Dürer habe ich 1518 auf dem Rückweg von Augsburg besucht. Er hat mir auch spontan einige seiner Werke geschickt. Ich habe ihn ebenso wie Cranach nach Wittenberg geholt, aber das war noch bevor sie so richtig berühmt wurden.
Auch Johann Fleck, ein Franziskaner aus Bitterfeld, sagte: „Er ist da, der es tun wird.“ Natürlich darf man auch Melanchthon und Kurfürst Johann Friedrich I als meine wichtigen Mitstreiter nicht vergessen.

Haben Sie nie mal mit dem Gedanken gespielt, es Tetzel gleich zu tun? Ihr Leben wäre damit doch sicher bequemer geworden, oder nicht?

Das meinen Sie jetzt aber nicht Ernst, oder? Ich habe doch immer Angst gehabt, vor Gottes Gericht nicht bestehen zu können. Als zweiter Tetzel hätte ich zumindest gleich gewusst, dass die Angst berechtigt ist. Oder… (überlegt) gegen wie viele Ablassbriefe hätte ich mich von der Angst freikaufen können? Nein, das ist ein absurder Gedanke. Dass in Rom etwas faul ist, wurde mir ja schon 1510 klar, als ich nach Rom gepilgert bin. Meine Messen haben immer länger gedauert als die der Italiener. Und die Lasterhaftigkeit von Papst Alexander VI war ja auch kein Geheimnis mehr. Ich habe das Ganze als „des bapsts jarmarkt“ bezeichnet.
Auch in Deutschland haben viele vom Ablasshandel profitiert. Also habe ich mir mit meinen Thesen nicht überall Freunde gemacht, das stimmt schon. Aber ich hatte ja Christus, die Kirche und die Bibel hinter mir. Der Papst hatte nur den Klerus und die von Menschen gemachte Satzung hinter sich. Und dass der Papst hat an einem einzigen Finger mehr Macht als alle deutschen Fürsten zusammen hat, war mir nach dem Verhör in Augsburg sowieso klar.

Um auf die Frage zurückzukommen: Bequemer wäre es vielleicht geworden. Es sei denn, es wäre ein anderer Reformator gekommen, der mich wie Müntzer geköpft hätte. Dann gäbe es heute keine Lutherbibel, keine lutherische Kirche, kein Lutherhaus, kein Lutherdenkmal, keine Lutherbonbons und kein Lutherjahr. Das wäre doch auch schade, oder?

Da haben Sie natürlich Recht. Und die Reformation geht ja auch noch weit über die 95 Thesen gegen den Ablass hinaus. Können Sie nochmal die wichtigsten Punkte zusammenfassen?

Den Bogen über alles spannt natürlich meine Erkenntnis, dass Gott durch die Worte der Bibel zu uns spricht und die Bibel allein der Maßstab für alle Fragen des Glaubens ist. Christus vermittelt zwischen Gott und den Menschen. Andere Vermittler sind nicht nötig.
Ganz konkret ging es um den Kelch, der für alle von Christus geboten wird. „Trinket alle daraus“ heißt es ja in Matthäus 26,27. Und das Zölibat war noch mein Thema. Der Ehestand ist natürlich und von Gottes Schöpfung gewollt. Dazu habe ich sogar 300 Thesen verfasst und den Anfang der Mönchsbefreiung eingeleitet.

Damit waren Sie dann ja auch auf frei, Ihre Katharina zu heiraten. Obwohl Ihre Freunde damit nicht so ganz einverstanden waren.

Neja, ich wurde ja schon 1518 in Augsburg von meinen Mönchsgelübden entbunden und habe 1524 endgültig die Augustinerkutte abgelegt, bevor wir 1525 geheiratet haben. Klar, meine Käthe war eine geflohene Nonne. Und der Hilferuf der 12 Nonnen, die keine Lust mehr auf Reliquien und Kutten hatten, erging als erstes an mich. Ans Heiraten habe ich aber gar nicht gedacht, als Koppe die Nonnen entführt hatte und wir sie irgendwie unterbringen mussten. In ihre Familien konnten sie nicht zurück, denn die hatten sie ja ins Kloster geschickt, um einen Esser weniger am Tisch zu haben. Ich war ja auch 18 Jahre älter als Katharina. Bei so einem Altersunterschied würden sich heute auch noch einige aufregen. Melanchthon warf mir den Verlust an Autorität und Geist infolge rein fleischlicher Begierde vor.

Womit er aber nicht richtig lag…

Nein, eher voll daneben. Denn ohne meine Katharina wäre wohl der Verlust an Autorität und Geist infolge Verwahrlosung zu beklagen gewesen. Ich habe ja kaum Geld verdient, und wenn etwas reinkam, habe ich viel an Bittsteller und Bedürftige verschenkt. Mein Hausstand war das reinste Chaos, und in beiden Bereichen hat Katharina viel Gutes bewirkt. Sie hat einen echten Wirtschaftsbetrieb aufgebaut, hat Geld für uns alle verdient, den Haushalt in Schuss gehalten und viel Leben ins Haus gebracht. 6 eigene und 12 Pflegekinder waren da, und trotzdem hatte ich nach der Heirat viel Ordnung und Ruhe für meine Arbeit. Andachten, Gebete und Predigten gab es natürlich auch im Hause Luther – mit den Kindern, mit Kollegen, Schülern und Besuchern. Ich kann als ganz klar sagen, dass Gottes Gnade mir die glücklichste Ehe beschert hat.

Was sagen Sie dazu, dass 2016 eine überarbeitete Lutherbibel erschienen ist?

Das freut mich sehr, und das war schon damals mein Wunsch. Der Besitz einer Bibel allein reicht ja nicht aus. Die Bibel soll vielmehr gelesen und erschlossen werden. Und dafür muss sie an die Zeit angepasst werden. Jesus soll zwar nicht mit dem E-Mobil über’s Wasser fahren, aber wenn aus der Wehmutter inzwischen die Hebamme geworden ist, soll es auch so in der Bibel stehen.

Die Verdienste um die gehobene deutsche Sprache gebühren trotzdem Ihnen.

Stimmt, aber quasi unbekannterweise. Wer weiß schon, dass Redewendungen wie „Perlen vor die Säue werfen“, „ ein Buch mit sieben Siegeln“, „ein Herz und eine Seele“ und Begriffe wie „Machtwort“, „Denkzettel“, „Herzenslust“ oder „Ordnung“ von mir erfunden wurden? Ich habe halt dem Volk auf’s Maul geschaut, weil es das Deutsche noch gar nicht gab, als ich mit der Bibelübersetzung begonnen habe. Es gab allerlei Dialekte und die sächsische Kanzleisprache. Die war meine Grundlage, und wenn für Wörter aus der Bibel deutsche Entsprechungen fehlten, habe ich einfach etwas erfunden.

Und der Kirchenmusik haben Sie auch Ihren Stempel aufgedrückt.

Ich wollte ganz einfach die frohe Botschaft der Bibel durch eingängige Texte und Melodien verbreiten. Weil ich niemanden dafür gefunden habe, blieb es an mir hängen. „Ein feste Burg ist unser Gott“ ist quasi die Marseillaise der Reformation geworden, und „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ entstand 1535 für die Bescherung meiner Kinder.


Der weitaus bessere Musiker im Dienst der Kirche war natürlich Bach mit seinen Kantaten, der aber erst 200 Jahre nach mir in die gleiche Schule in Eisenach ging.

Wenn Sie die Welt 500 Jahre nach Ihrem Thesenanschlag betrachten – was sagen Sie dazu?

Oh je, da stellen Sie eine schwierige Frage. Es ist natürlich unglaublich, was sich alles getan hat und was man Fortschritt nennen würde. Ich bin in meinem Leben ungefähr 10.000 km gewandert, sogar zu Fuß über die Alpen nach Rom. Heute ist das ein Klacks mit einem Verkehrsmittel der Wahl – und bald soll es durch den Tunnel gehen – unvorstellbar.
Dass mein Zimmer auf der Wartburg noch immer erhalten ist und an vielen anderen Orten meines Wirkens an mich erinnert wird, freut mich schon.
Aber die Kirche…hmm, das ist natürlich so eine Sache. Wenn ich mich dazu jetzt äußern wollte, würde das lange dauern. Aber da ich ja schon damals gesagt habe: „Ihr könnt predigen, über was ihr wollt, aber predigt niemals über 40 Minuten.“ fange ich lieber erst gar nicht an. Da soll jeder sein eigenes Urteil fällen und sich für seinen eigenen Weg entscheiden.