Lampenfieber muss nicht sein – Mentaltraining hilft

Relief am Landestheater Innsbruck

Musiker oder Schauspieler kennen Lampenfieber. Ein bisschen davon ist in Ordnung, zu viel lähmt aber. Spitzenleistungen auf der Bühne beginnen im Kopf. Das verbindet Musiker mit Sportlern. Letztere habe die Bedeutung von Mentaltraining schon erkannt. Wann tun es Ihnen Bühnenkünstler gleich? Oder was hindert sie daran?

Aus Insiderkreisen habe ich erfahren, dass es sich beim Lampenfieber um ein Tabu-Thema handelt, das vor allem nicht in die Öffentlichkeit getragen werden darf. Vielleicht spielt auch die Angst um die raren und hart umkämpften Stellen in bekannten Orchestern eine Rolle. Auf der Strecke bleibt im schlechtesten Fall der Musiker, der hinter seinem Instrument sitzt und nicht immer ganz ruhig ist. Jeder kennt Lampenfieber. Kaum zu glauben, dass niemand etwas dazu sagt. Oder ist gar nicht genau klar, was Lampenfieber wirklich ist?

Lampenfieber ist eine Mischung aus Angst, Anspannung und Nervosität. Es ist eine Stressreaktion des Körpers, die bei Gefahr eine ganz natürliche Reaktion ist und das Kampf-oder-Flucht-Muster aktiviert. Stress ist heutzutage modern. Aber besteht auf der Bühne Lebensgefahr? Nein, das Ganze spielt sich „nur zwischen den Ohren“ ab, im Kopf-Gehirn-Geist-System.

Um das Thema zu verstehen, muss man zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten unterscheiden. Stellen Sie sich dafür einen Computer vor. Was braucht der, um zu funktionieren? Einiges, vor allem aber Programme auf der Festplatte und einen Arbeitsspeicher. Irgendwie ist jeder Mensch wie ein Computer, denn was dort die Programme sind, ist beim Menschen das Unbewusste. Diese riesige Festplatte besteht aus verschiedenen Programmen und Abläufen. Der Arbeitsspeicher des Computers entspricht seinerseits dem Bewussten beim Menschen.

90 – 99% unserer Handlungen werden vom Unterbewussten gesteuert. Die grundlegenden Lebensfunktionen müssen einfach automatisch funktionieren, und auch beim Gehen macht sich niemand Gedanken, wie es funktioniert. Erinnerungen, Emotionen und Gedanken sind ebenfalls nur dank des Unterbewussten möglich.

Das Denken wird von den gespeicherten Glaubenssätzen, Überzeugungen und Einstellungen beeinflusst, z.B. wenn der Musiker mit einer unguten Einstellung ins Konzert geht. Erwartungen, Vorstellungen oder Wünsche erzeugen Stress. Daraus entstehen Gefühle und Emotionen, die schließlich zu Handlungen führen.

Zwei Zauberworte gelten im Zusammenhang mit dem Unterbewussten: Wiederholung und Automatisierung. Vergleicht man das Autofahren in der 1. Fahrstunde mit der täglichen Praxis, stellt man wiederum fest, dass alles automatisch geht.

Nun kann es aber auch sein, dass nicht so tolle Dinge im Unterbewusstsein verankert sind. Was tut man dann? Denn schon mit der Zeugung beginnt die Prägung der internen Festplatte. Bei der Geburt ist diese Festplatte also leider nicht neu, sondern gewissermaßen schon gebraucht. Sie ist zudem vom Umtausch ausgeschlossen, kann aber repariert werden. Die meisten Prägungen erfolgen bis zum 4. Lebensjahr, da in dieser Zeit alles zum ersten Mal passiert. Da das Kind dabei hilflos und auf seine Mutter angewiesen ist, brennt sich der Gedanke „Ich bin hilflos“ besonders stark auf der Festplatte ein. Auch wenn der Körper in den darauffolgenden Jahren wächst, verändert der Geist diese Prägung nicht. Und so kommt es, dass viele Geschehnisse sofort Existenzangst auslösen.

Solist MusikerGeht der Musiker nun mit einem überhöhten Anspruch ins Konzert, dem er sowieso nicht gerecht werden kann, resultiert Stress. Betrachtet man beispielsweise einen Trompeter 5 Minuten vor dem Konzert in der Garderobe, zeigt sich von außen nur, dass er auf seinen Einsatz wartet. Das innere Bild kann aber ganz anders und geprägt von Gedanken wie:

  • „Ich muss perfekt sein!
  • Ich bin nicht gut genug!
  • Hoffentlich bemerkt keiner meine Unsicherheit!“

sein. Das Gefühl signalisiert Überforderung und Angst, und das Handeln folgt dem mit Anspannung, Schwitzen, Zittern oder einem Verlust der Feinmotorik, was natürlich alles in allem nicht erstrebenswert ist.

Was tun?

Die Programme aus der Kindheit müssen bearbeitet werden. Positives Denken alleine ist leider nicht ausreichend, da die Infos von der Festplatte dominieren werden. Das Zauberwort lautet hier: Mentaltraining. Es sorgt für Veränderungen im Mindset, bei Glaubenssätzen, Gefühlen und Handlungen, bis ein selbstsicheres Auftreten natürlich wird und Spaß macht.

Musik findet im Moment statt, der schnell vorbei ist – außer auf einer CD. Genauso sollte der Geist im jetzigen Moment sein. Glaubenssätze aber holen den Musiker aus dem Moment heraus und lassen keinen Flow mehr zu. Er musiziert dann weit unter seinen Möglichkeiten – ähnlich wie ein Ferrari-Fahrer, der mit seinem linken Fuß auf der Bremse steht. Mentaltraining nimmt den Fuß von der Bremse und nimmt der Situation die Brisanz.

Dieses Bild gilt natürlich nicht nur für Musiker, sondern für alle möglichen Alltagssituationen, die jeder kennt, und die mit Mentaltraining verbessert werden könnten. Man braucht also nicht mal ein Problem, um zum Mentaltrainer zu gehen. Es reicht der Wunsch, seine Einzigartigkeit präsentieren zu können.

Neben der Atemzentrierung werden Visualisierungstechniken gerne im Mentaltraining verwendet, da das Unterbewusste an gespeicherte Bilder glaubt. Wer kennt nicht die Situation, wo man im dunklen Wald einen Stock für eine Schlange hält und davon auch noch berichtet? Auch beim Lampenfieber wird ein harmloses Konzert von einem Bild überdeckt. Weil es vor 4 Wochen schief gegangen ist, kreisen die Gedanken darum, dass es hoffentlich nicht wieder schief geht. Auch diese Aussagen gilt nicht nur für den Musikerbereich, sondern z.B. auch für Beziehungen.

Die Vorteile des Mentaltrainings liegen auf der Hand. Aber warum wird es trotzdem noch selten genutzt?

Die Großen in der Musik haben zum Teil Angst, bei sich selbst hinzuschauen und vertrösten sich mit „es geht schon…“ . Während Mentaltraining vor 15 Jahren in der Musikszene Londons schon bekannt war, war es in Wien kein Thema. Aber die Sportler machen es heute vor, und jeder hat es in der Hand, ob er etwas für sich selbst tun möchte.

Beim Mentaltraining werden die Werkzeuge vermittelt, die nicht „nur“ bei Lampenfieber hilfreich sind.