Imaginata in Jena – Anfassen erwünscht


Thüringen ist eine Entdeckungsreise wert. Das kann ich bestätigen, nachdem ich mich auf die Spur verschiedener Herren gemacht habe. Ob Goethe, Schiller, Bach oder Luther, viel kann man über sie erfahren. Aber in ihren Häusern heisst es an vielen Stellen: „Bitte nicht berühren“. Genau das Gegenteil gilt in der Imaginata in Jena. Da darf man überall nach Herzenslust Hand anlegen, tun, machen, probieren. Die Zeit vergeht wie im Fluge, und dass man dabei auch noch etwas lernt, ist ein willkommener Nebeneffekt.

Die Imaginata, die sich nicht Museum, sondern „Experimentarium“ nennt, liegt in einem Gewerbegebiet nördlich der Innenstadt. Der große Backsteinbau mit der Kugel auf dem Dach ist schon von weitem sichtbar. Hier, im ehemaligen Umspannwerk, ist viel Platz für Experimente. Und dazu kann man auch noch einige technische Relikte bestaunen. Mannshohe Umspanner am Boden und an den Wänden beeindrucken und schaffen eine perfekte Atmosphäre für die Experimente. Wie es wohl früher in der Halle zugegangen ist? Hat es gerauscht oder geknistert? Oder konnte sie überhaupt betreten werden? Fast erfurchtsvoll kommen mir diese Fragen, während die Blicke schweifen.

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Während ich noch stehe und staune, rollt mir eine Murmel vor die Füße. Wo kommt die wohl her? Ich hebe sie erstmal auf und befühle die glatte Glasfläche. Diese Frage ist schnell beantwortet, denn nach ein paar Schritten sehe ich eine ganze Wand und zwei schräge Flächen, an denen man mit Holzleisten Wege für Murmeln gestalten kann. Die Wand ist belegt, und so lasse ich meinen Murmelfund auf einer der Schrägen freien Lauf.

Nun tutet es in der Halle immer wieder. Nein, es ist kein Alarm, sondern Teil eines Exponats, wo ein Gewirr aus Seilen durchkrabbelt werden soll. Jedes Tuten zeigt an, dass der Akteur eines der Seile berührt und die dadurch sichtbar gemachte Lichtschranke ausgelöst hat. Wer es mit Seilen in Stille schafft, kann die Seile für den Folgeversuch wegnehmen. Aber so viel Geduld hat an diesem Nachmittag wohl keiner der Besucher.

imaginata-fluegelAuch zum Schwarzbau wird in der Imaginata eingeladen… Keine Sorge, alles völlig legal, denn schwarz ist nur die Kuppel über dem Tisch, auf dem Riegel, Schrauben und Muttern aus Holz liegen, die ohne Blickkontakt und nur durch das Gefühl in den Fingern nach der Vorlagen zusammengebaut werden sollen. Es scheint einfach, der Teufel steckt aber im Detail, denn dass es Schrauben mit runden und eckigen Köpfen gibt, muss man erstmal erfühlen und auch auf der Vorlage genau beobachten. Also haben die Augen doch etwas zu tun, aber nicht in der gewohnten Rolle. Und das ist in der Imaginata auch so gewollt.

Im Riesenflügel, der auf die Seite gekippt ist, um begehbar zu werden, stehen Fühlen und Hören auf dem Programm. Was passiert, wenn eine Saite angeschlagen wird? Welche Unterschiede gibt es zwischen den verschiedenen Saiten? Hier sind Familien oder Freunde klar im Vorteil, weil einer agieren und der andere spüren kann.

imaginata-spiegelNeben der Haupthalle des Umspannwerks gibt es einen weiteren Gebäudekomplex, in dem vor allem die Spiegel beeindrucken. So, wie wir uns jeden morgen selber im Spiegel sehen, sehen nur wir uns, nicht aber unsere Mitmenschen. Denn tatsächlich sehen wir uns spiegelverkehrt. Dass das – je nach Frisur – mehr oder weniger unterschiedlich ist, kann jeder im Spiegeleck ausprobieren, wo man in zwei im rechten Winkel zueinander stehenden Spiegel zum „doppelten Lottchen“ aus Fremdsicht wird. (Es sind tatsächlich Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand, die ich nach oben strecke.)

Das Staunen darüber, was unsere Augen sehen, geht auch nach den Spiegelstationen weiter. Große Scheiben mit schwarz-weißen Mustern dürfen gedreht werden – und täuschen das Auge durch Erscheinungen, die es eigentlich nicht gibt. Eine Koje ist man dann plötzlich nicht mehr in der Lage, Farben richtig zu erkennen… Aber keine Sorge, das geht vorüber.

Wem das vielleicht zu ruhig vonstatten ging, der darf an der Dominobahn mal richtig Krach machen. Denn der kleine Dominostein gibt tatsächlich so viel Energie weiter, dass am Ende der riesige Holzklotz lautstark auf den Teppichboden prallt.

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imaginata-spiraleWar’s das? Nein, noch lange nicht. Denn die allergrößten Exponate stehen auf dem Freigelände. Da wartet vor allem das schräge Haus von Jena auf überraschte Augen, wenn die Murmel scheinbar aufwärts rollt oder das Pendel nicht senkrecht nach unten zu hängen scheint. Auch die Hörspirale hat ihren besonderen Reiz, wenn das gesprochene Wort zum ersten Mal vernehmbar ist, wenn es aus dem Mund kommt, und ein zweites Mal etwas später nach Passieren der Spirale nochmal ins Ohr gelangt.

Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass ein paar Stunden vergangen sind. Und dabei habe ich noch nicht mal jedes Exponat voll ausgekostet. Und so kann sich jeder in der Imaginata seine eigenen Schwerpunkte setzen, einfach Ausprobieren, staunend Lernen, Erforschen oder eher Spielen. Ob Jung oder Alt, Groß oder Klein, jeder findet etwas nach seinem Geschmack und wird begeistert den Heimweg antreten. Wer in Jena oder Umgebung wohnt, muss es ja auch nicht bei einem Besuch belassen.